‚Auch eine Geschichte der Philosophie‘- und was für eine. Notiz zu Jürgen Habermas‘ Spätwerk

Jürgen Habermas legte im November 2019 sein spätes, 1700 Seiten umfassendes Opus magnum ‚Auch eine Geschichte der Philosophie‘ vor. Es ist eine faszinierende Topographie des Verhältnisses von Glauben und Wissen  in der Neuzeit. Habermas erweitert damit die Klaviatur seiner Philosophie um die Dimension von Transzendenz und des weiten Rayons von Metaphysik.  Dies ist ein starkes Signal: Ein Votum für eine Vernunft, die über die Immanenzzusammenhänge kategorialen Denkens hinausgeht und Vernunft in die Fluchtlinie hinein verfolgt, in der sie im Sinn Kants vor das „Begreifen des  Unbegreiflichen“ geführt wird.

Ein solcher Durchbruch ist selten. Der späte Habermas resümiert nicht.  Er bricht zu neuen Ufern auf und demonstriert die erotische Faszinationskraft, die von alten klassischen Texten der Philosophie ausgeht. Dass ein solches Alterswerk der neuen Fahrt eine große Seltenheit ist, versteht sich.

Das dekonstruktive Narrativ einer linearen Säkularisierungsgeschichte trifft die Sache nicht. Denn Philosophie zehrt von den Potenzialen, Denk- und Bilderformen der Religion auch dort, wo sie sich material von ihnen gelöst hat.

Das Label einer „nachmetaphysischen Philosophie“ wird damit unter der Hand obsolet. Schlüssig bleibt Immanuel Kants Formulierung in seinem Brief an Marcus Herz von der ‚Metaphysik der Metaphysik‘, die der kritischen Philosophie vorausliegt und zugleich deren Zielperspektive ausmacht.

Diese Verzahnungen sind nach vielen zynischen, sterilen und kurzatmigen Übungen in Dekonstruktivismus nach einschlägigen Arbeiten von Charles Taylor oder Thomas Nagel ein weiteres Indiz für eine zukünftige Philosophie, die sich wieder der „realen Gegenwart“ (George Steiner) zuwendet und die deshalb den großen Traditionen nicht ausweicht – und ihre Zukünftigkeit begreift.

Der alte Habermas erweist sich als jugendlicher Pfadfinder, gegenüber vielen früh vergreisten SpezialistInnen.  Sein großes Werk kann weite Perspektiven anzeigen, auf die ganze Curricula, auch im produktiven Widerspruch, aufbauen können

Sehen Sie dazu auch das Videostatement!

Harald Seubert, 1. 12. 2019